From Moers To Mars – Klangforscherinnen unter sich

von Carolin Pook –

Pezzettino 8, ein Stück für 8 Geigerinnen, die mit ihren Füßen selbstgebaute Perkussionsinstrumente bedienen. Jede Stimme ist anders, Chaos trifft auf Rhythmus, Rhythmus auf Melodie, leidenschaftliche Improvisation auf minimalistische Repetition. Für ein solches Projekt braucht man Musiker, die vieles können und alles wollen.

Acht Geigerinnen habe ich ‚gecastet‘ für dieses Abenteuer, das jetzt in Moers Premiere feiert. Acht Geigerinnen, die sich vorher gar nicht kannten und innerhalb von Minuten zusammenfanden. Vier Tage Proben fühlen sich an wie eine kleine Ewigkeit, und dennoch waren sie viel zu schnell vorbei. Was wie der Anfang einer kitschigen Liebesgeschichte klingt, ist ein kleines musikalisches Wunder. “Dass eine Gruppe von acht fantastischen Geigerinnen sich von Anfang an wie eine Familie anfühlen kann, habe ich selten erlebt. Das ist unglaublich.” staunt Una aus Island, Konzertmeisterin im Kammerorchester von Reykjavik und erste Geigerin bei Björk.

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Sabine Akiko Ahrendt (Mitte)

Auch ich finde das unglaublich, fast unwirklich. “Are you going to Mars?” fragt Yael auf dem Kölner Bahnhof eine Frau, die den Bahnsteig für den Zug nach Duisburg sucht. “Mars?” „Ja, nach Moers!”. Yael ist aus Tel Aviv, und extra für dieses Projekt eingeflogen. Sie hat eine Konzertreihe für zeitgenössische Musik in der Wüste in Mizpe Ramon ins Leben gerufen. “Die Wüste ist meine Meditation”, erzählt sie. Yael kenne ich von früher. Niemals habe ich jemanden das fast unspielbar schwere Stück “Sequenza” von Luciano Berio so spielen hören wie sie.

Die andere Frau auf dem Bahnsteig ist Zuzana, eine Österreicherin mit slowakischen Wurzeln, die als einzige aus der Gruppe Jazzvioline studiert hat. Ich machte damals in Köln gerade meinen Abschluss, sie fing zur gleichen Zeit an. “Wenn du so kompliziertes zeitgenössisches Zeug schreibst, dann üb ich das halt, das ist doch eine super Herausforderung, so etwas liebe ich”, erzählt sie mir am Telefon.
Das haben alle acht gemeinsam, dass sie Neues ausprobieren wollen, dass sie das Unvorhersehbare lieben und sich ohne Risiko langweilen.

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Yael Barolsky (rechts)

Die Suche nach dem Unvorhersehbaren, das “Spielen ohne Fragezeichen im Kopf” – wie sie es nennt – ist für Irene, die wie Zuzana aus Österreich kommt, die Vorraussetzung für eine gute Improvisation. Sie ist auch Komponistin, eine echte Klangforscherin, die unbeirrt ihren Weg geht. Als 7-Jährige stand sie eines Tages am Fenster und sagte: “Ich möchte Geige spielen, das ist alles was ich will”. Dass keiner in ihrer Familie jemals Musiker war, hat sie dabei bis heute wenig beeindruckt. Aber warum es die Geige sein muste, dass kann sie auch nicht erklären. “Das war halt so”.

Im Laufe der Kompositionszeit stellte sich für mich heraus, dass die Musik nicht unbedingt technisch außergewöhlich anspruchsvoll werden würde, sondern dass die größte Herausforderung im Finden der eigenen Rolle und gleichzeitig eines gemeinsamen Klanges liegt. Dies ist nur über die Probenarbeit möglich.

Das Proben und Aufführen von zeitgenössischer Klassik und ungewöhnlich notierter Musik gehört für Hannah zum Alltag. Sie ist Geigerin beim Ensemble Musikfabrik in Köln, einem über die Grenzen hinaus renommierten Ensemble für Neue Musik. Dass in meinem Stück gar nicht so viel notiert ist, dass ich oft spontan Dinge ändere und mich während der Proben plötzlich wieder umentscheide, weil mich ein unerwarteter Klang inspiriert, findet sie erfrischend. “Ich habe auch lange nicht mehr so schön lyrische Melodien auf der G-Saite gespielt, das macht richtig Spaß”.

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v.l.n.r.: Una Sveinbjarnadottir, Sabine Akiko Ahrendt, Hannah Weirich, Yael Barolsky, Lola Rubio, Zuzana Leharova, Irene Kepl, Carolin Pook

Auch Sabine spielt beim Ensemble Musikfabrik ab und zu. Und Die G-Saite ist auch ihre Lieblingssaite, da sie ihrer Stimme am nächsten ist. Als sie das erzählt, schreibe ich ihren Part dann noch ein wenig um. Jeder soll musikalisch strahlen dürfen. Und als ich höre, wie sie auf ihrer G-Saite improvisiert, ist mir klar warum. Und jetzt strahlt sie auch nicht nur musikalisch.

4 Tage Probenarbeit, 8 Frauen, 8 Geigen, 7 Perkussionsinstrumente, ein Schlagzeug und unendlich viel Neugier.

Heute sagte Lola: “Jetzt ist die Probezeit vorbei, jetzt kommt die Spielzeit”. Lola aus Paris ist die jüngste, sie erzählt gerne wundersame Geschichten mit wachen Augen von Workshops mit Kinderorchestern aus Guatemala oder Techno Festivals irgendwo bei Berlin. Sie studiert klassische Geige in Köln und will aber viel lieber improvisieren. “Wenn du den Artikel schreibst, dann erzähle doch einfach die Geschichte der letzten Tage, so wie du es einem Freund erzählen würdest”.

Und das würde ich erzählen:
Noch nie war Proben so einfach.
Noch nie habe ich beim Proben gleichzeitig so viel gelacht und Musik kreiert.
Noch nie war ein Stück so voller Risiken.
Noch nie habe ich mich so sehr auf das Risiko gefreut.

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(Beitragsbild: Carolin Pook, alle Fotos: Helmut Berns)

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