Hide & Seek 3: Showcase-Festivals und Exportbüros

von Wolf Kampmann –

Dublin, Ende April 2015. Das 12 Points Festival präsentiert den Stand des jungen europäischen Jazz. Dabei wird Wert auf eine stilistisch ausgewogene Mischung von Free bis Traditional und ein Angebot gelegt, das einigermaßen repräsentativ auf die unterschiedlichen Regionen Europas – nicht nur der EU – verteilt ist. Alle Musiker sind für die Dauer des gesamten Festivals eingeladen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich kennenzulernen und ein internationales Netzwerk zu bilden. Ein beispielhaft altruistisches Ansinnen, das in Dublin auch ein überwiegend jugendliches, sehr empathisches Publikum aktiviert. Was bei all dem Streben nach Proporz und Ausgleich auf der Strecke bleibt, ist die Qualität.

Wo aber steht auf diesem Festival der deutsche Jazz? Der deutsche Vertreter schlägt sich überaus wacker. Der junge Pianist Elias Stemeseder erringt mehr als einen Achtungserfolg, mehrere europäische Labels machen ihm aus dem Stand Angebote. Mission accomplished. Der Witz an der ganzen Angelegenheit besteht nur darin, dass der einzige Vertreter Deutschlands von Hause aus Österreicher ist. Nicht, dass das etwas ausmachen würde, denn Stemeseder wurde am Jazzinstitut Berlin ausgebildet und ist als Mitglied des KIM Kollektivs ein Aktivposten der Berliner Szene. Auf das Problem angesprochen, beeilen sich die Veranstalter zu versichern, dass es nicht um Deutschland als Nation, sondern um Berlin als Standort ginge.

Befragt man auf einem derartigen Stelldichein des europäischen Jazz-Austauschs die Abgesandten anderer Länder, ergibt sich aus der Draufsicht ein überraschend anderes Image des deutschen Jazz als das Breitwandbild aus der Heimatperspektive. Mit Ausnahme von Michael Wollny, Nils Wogram und einigen anderen Flaggschiffen ist Jazz, made in Germany, jenseits unserer Grenzen nahezu unbekannt.

Network-Events und Showcase-Festivals bestimmen seit etwa anderthalb Jahrzehnten immer mehr das europäische Jazz-Geschehen. Nationale Musikerorganisationen oder Exportbüros wie in Frankreich, Norwegen oder Polen laden internationale Jazzkritiker und Festivalmacher ein, um einen Überblick über die jeweilige Szene zu erlangen und supporten die Touren ihrer Schützlinge. Der norwegische Jazz ist seit jeher gut aufgestellt, die Szene in Polen konnte von derartigen Aktivitäten jedoch enorm profitieren und sich den Ruf zurück erspielen, den sie bis in die siebziger Jahre genoss. Ob das der Musik selbst immer zuträglich ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn – und damit sind wir wieder am Anfang – hier geht es nicht um die Qualität von Musik, sondern einzig darum, die auch in anderen Ländern in immer größeren Quantitäten auf den Markt drängenden Absolventen der zahlreichen Jazzschulen im internationalen Konzert- und Festival-Betrieb zu platzieren.

Angesichts europaweit knapper werdender Kassen und zusätzlicher Herausforderungen zum Beispiel durch den Zustrom von Flüchtlingen aus Afrika ist kaum davon auszugehen, dass sich in Deutschland und anderen europäischen Ländern künftig mehr Spielgelegenheiten für Jazz-Musiker auftun werden. Die Exportbüros und Showcase-Festivals sind also Vorboten eines immer offensiveren Verdrängungswettbewerbs innerhalb des europäischen Jazz.

Der deutsche Jazz hat in diesem Spiel schlechte Karten. Da die Kultur in der Bundesrepublik föderal organisiert und administriert ist, existiert keine adäquate Vertretung nach außen. Und – das muss betont werden – nach innen auch nicht. Es gibt zwar im Rahmen der jazzahead! die German Jazz Expo, aber diese entfacht noch lange nicht die Wirkung, wie vergleichbare Aktivitäten in anderen Ländern. Ein Grund dafür ist, dass die Musiker und Bands bei den kurzen Auftritten vor einem taxierenden Fachpublikum und nicht vor einem regulär zahlenden Publikum spielen. Die sich aufgrund der Hochschullage explosionsartig vermehrende deutsche Jazz-Population ist immer mehr auf ihre Binnenwirkung angewiesen, doch selbst auf den deutschen Festivals macht sich die Hartnäckigkeit der ausländischen Exportbüros bemerkbar. Dieses Manko wird teilweise mit einer Überpräsenz in den hiesigen Jazzmedien kompensiert, wo mit Super- und Hyperlativen für oft Halbgares nicht gespart wird.

Vorerst wappnet man sich auf den immer gleich ablaufenden strategischen Treffen der Network-Aktivisten noch gegen einen gemeinsamen Mitbewerber: den Jazz aus Übersee. Der Behauptung, der Jazz in den USA würde an Brisanz verlieren und sein europäisches Pendant hätte ihn kreativ längst ausgestochen (wie einst vehement u.a. von dem britischen Journalisten Stuart Nicholson behauptet), liegen nicht zuletzt handfeste wirtschaftliche Ursachen zugrunde. Von der mangelnden journalistischen Bereitschaft, jenseits einschlägiger Bemusterungskanäle zu forschen, was in Chicago, Seattle, Detroit, San Francisco, Los Angeles, und selbst New York passiert, ganz zu schweigen.

Deutschland ist kein Einzelfall. Ähnliche Klagen über ein Überangebot der Hochschulen und entsprechende Vermarktungstendenzen, die an einem qualitätsorientierten internationalen Wettbewerb keinerlei Interesse haben, hören wir auch aus anderen Ländern. Das ändert aber nichts an der aktuellen Situation in der Bundesrepublik. Es gibt viele Gründe, aus denen zwischen Oder und Rhein zuweilen ein Zerrbild über die tatsächliche Qualität des deutschen Jazz im Vergleich zu anderen Jazz-Biotopen entsteht. Nicht wenige hängen unmittelbar mit der Selbstwahrnehmung des gesamteuropäischen Jazz und seiner Abschottung gegenüber Impulsen aus den USA zusammen. Wie auch immer, es bleibt nichts daran zu rütteln: der deutsche Jazz war nie so gut aufgestellt wie heute. Ein wenig mehr Realitätssinn und ein Blick über den Tellerrand hinaus wäre aber nicht nur wünschenswert, sondern würde der deutschen Szene im internationalen Wettbewerb erheblich weiterhelfen als jede noch so gut gemeinte Verlautbarungspoesie.

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