Hide & Seek 2: Die deutschen Jazzschulen

Teil 2 der dreiteiligen Artikel-Serie von Wolf Kampmann

Seid fruchtbar und mehret euch! Wir können stolz sein auf unseren Jazz-Nachwuchs. Eine Recherche im Internet ergibt, dass mindestens 20 Hochschulen in Deutschland regulär Jazzstudiengänge anbieten. Nur mal angenommen, dass jede dieser Einrichtungen im Jahr zehn Musiker ins Berufsleben entlässt – diese Zahl schreit geradezu danach, drastisch nach oben korrigiert zu werden – dann wären das insgesamt nicht weniger als 200 Musiker pro Jahr, die auf diesem Weg zusätzlich das deutsche Jazz-Wimmelbild bevölkern.

Jazz-Ausbildung hat Tradition in Deutschland. Bereits 1928 hat der jüdische Komponist und Musikpädagoge Bernhard Sekles an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main die weltweit erste Jazzklasse eröffnet, was im Preußischen Landtag seinerzeit zu einer heftigen Auseinandersetzung führte. In den USA wurden vergleichbare Klassen erst anderthalb Jahrzehnte später eingerichtet. Selbstredend wurde diese Einrichtung 1933 geschlossen.

Gegen eine profunde Jazzausbildung ist zunächst einmal ebenso wenig zu sagen wie gegen das offenbar große Interesse angehender Musiker, sich auf den Jazz einzulassen. Das Ausbildungsniveau ist durchgehend hoch, die spielerischen Fertigkeiten der graduierten Musiker sind entsprechend. Das Problem besteht auf den ersten Blick also nicht in der Ausbildung selbst, sondern in dem, was nach der Hochschule passiert. All diese Musiker wollen beschäftigt werden. Sie wollen Platten aufnehmen, auf Tour gehen, Medienpräsenz erlangen, sich in unzähligen Projekten vernetzen und sich nicht zuletzt gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen. 200 Musiker pro Jahr, das sind Dutzende zusätzlicher Klavier-Trios, Saxofonquartette, Lounge- und Big Bands. Nur wer soll all das hören? Das Interesse des durchschnittlichen Allround-Hörers an jungem deutschen Jazz entwickelt sich umgekehrt proportional zur Zahl seiner Protagonisten.

jazzmusiker_04„Spielen vor Publikum“ (aus http://berufenet.arbeitsagentur.de)

Förderinitiativen, die sich „Next Generation“ oder „Young German Jazz“ nennen, sind gut gemeint, doch zeigen sie am Ende nichts anderes auf, als dass der deutsche Jazznachwuchs ohne diesen Futterzusatz kaum überleben könnte. Sicher erzählen Initiativen wie Klaeng in Köln oder KIM in Berlin auch andere Geschichten von der Selbstorganisation junger Musiker im urbanen Umfeld, doch das ist und bleibt vorläufig die Ausnahme. An Jazzmusikern herrscht derzeit in Deutschland wahrscheinlich ein ebenso großes Überangebot wie an Kunsthistorikern und Nagelstudios.

Nun kann man es den Hochschulen kaum verdenken, dass sie dem Interesse von Ausbildungswilligen nachkommen und adäquate Studiengänge zur Verfügung stellen. Und die Forderung, an Universitäten müsste mehr Kreativität vermittelt werden, ist absurd. Das geht nicht. Ein Studium ist dazu da, Fertigkeiten zu entwickeln. Kreativität erlangt man auf anderen Wegen. Das Dilemma besteht nur darin, dass der nicht verebbende Ruf nach einem Mehr an Ausbildung – möglichst schon in der Grundschule – den Jazz nicht besser macht. An den Hochschulen lernen junge Musiker, wie man alles richtig macht. Doch damit können sie im internationalen Vergleich nicht bestehen, denn die Geschichte des Jazz ist eine Folge von Regelbrüchen. Der Kanon überwindet sich unentwegt selbst. Nur nicht an den Hochschulen.

jazzmusiker_05„Beim Einspielen einer Tonträgerproduktion“ (aus http://berufenet.arbeitsagentur.de)

Nun ist die Verschulung des Jazz gewiss kein genuin deutsches Problem. Überall auf der Welt gibt es Jazzkurse en masse, und auch in den USA sind die Zeiten längst vorbei, in denen Musiker im Schulorchester anfingen, dann die örtlichen Clubs penetrierten, bis ein durchreisender Big Player sie mit nach New York nahm, wo sie dann ihr eigenes Idiom fanden. Am besten, man hat mindestens ein Semester in Berklee oder Julliard in der Tasche. Das sagt zwar nichts über die Qualität der Musik, ist aber im Jazz ein Gütesiegel wie Oxford oder Yale in der Wissenschaft. Auch in Deutschland gibt es freilich eine Hierarchie der Jazz-Schulen. Doch was sich in Bios (halbwegs) gut liest, spielt in der Lebenswirklichkeit von Jazzmusikern keinerlei Rolle. Jazz will authentisch sein, eine Geschichte erzählen und nicht einfach nur korrekt gespielt werden.

Letzteres wird aber immer mehr zum Kriterium für Jazz in Deutschland. Junge Musiker, die alles richtig zu machen gelernt haben, drängen von den Hochschulen auf die Szene und verzerren das Bild. Und wer dort nicht Fuß fassen kann, der wird eben seinerseits Lehrer. Neue Jazz-Studiengänge warten nur darauf, mit hoch motiviertem Personal aus dem Boden gestampft zu werden, das dann wiederum neue Kader in die Umlaufbahn schleudert. Eine Spirale ohne Ende.

Wenn Absolventen der deutschen Jazz-Kaderschmieden heute im Hauptprogramm mancher großen Festivals zu sehen sind, ist diese Umwertung aller Werte oft in keiner Weise durch musikalische Qualität abgedeckt, sondern ein Ergebnis wirkungsvoller Netzwerkarbeit. Doch kann dieser Trend der Wettbewerbsfähigkeit des Jazzstandorts Deutschland auf Dauer zuträglich sein? Oder zieht dieser Selbstbezug große Teile der Szene einschließlich der medialen Kritikfähigkeit langfristig ins Mittelmaß hinab? Mehr dazu in „Hide & Seek“, Teil 3.

2 Antworten zu “Hide & Seek 2: Die deutschen Jazzschulen

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