Des Rätsels Spiel: The Liz

von Franziska Buhre –

Das erste gemeinsame Konzert gaben The Liz 2014 im Sowieso in Berlin-Neukölln, einer kleinen Spielstätte für experimentellen Jazz und improvisierte Musik. Liz Kosack kam 2013 aus New York nach Berlin, Liz Allbee aus Oakland, Kalifornien im Jahr 2009 und Korhan Erel zog 2014 von Istanbul nach Berlin.

Mit ihrer neuen Performance, die beim Moers-Festival erstmals auf einer großen Bühne zu erleben sein wird, begeben sich The Liz gezielt in ein Setting aus Musik, Gesang und Rezitation, Videoprojektionen, Kostümen und Licht:

Liz ist die Sphinx

Liz ist Kathy Acker/Ödipus

Liz ist Anubis

Die Sphinx ist ein Ungeheuer, das in der ägyptischen Mythologie die Gestalt eines Löwen mit einem menschlichen Kopf annimmt. In Darstellungen der griechischen Mythologie besitzt ihr Löwenkörper Flügel und trägt mitunter weibliche Züge. Ihr Kopf ist der einer Frau.

Kathy Acker (1947 – 1997) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Punk-Poetin, die mit Cut-up-Techniken arbeitete, ihren Werken die Texte anderer Autor_innen einverleibte und so die herrschenden Auffassungen von Urheber_innenschaft, künstlerischer Aneignung und realen wie fiktionalen Identitäten infrage stellte.

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Liz Kosack

Anubis ist der altägyptische Gott des Todes, sein Körper hat Menschengestalt, sein Kopf ist der eines Schakals. In Moers tritt er wie in altägyptischen Darstellungen auf, sein schwarzes spitzes Maul ragt nach vorne, seine Augen funkeln rot und die goldenen Ohren sind hoch aufgestellt.

Der französische Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau (1889-1963) macht Anubis in seinem Theaterstück „La Machine infernale“ (Uraufführung in Paris 1934) zum Komplizen der Sphinx am am Rande der Stadt Theben. Anubis wird so zum Wächter am Tor zur Unterwelt und mahnt die Sphinx, die von den Göttern befohlenen Auftragsmorde an allen Reisenden, die ihr Rätsel nicht lösen, zu begehen. Eines Tages kommt Ödipus des Weges, er möchte ihn passieren, um den Thron von Theben zu erobern und spricht die Sphinx direkt an. Sie ist hingerissen von ihm und verrät ihm heimlich des Rätsels Lösung, bevor sie es ihm förmlich aufgibt – ein glatter Selbstmord. Bei Cocteau, wie in Sophokles’ dramatischer Bearbeitung des Ödipus-Mythos, stirbt die Sphinx. Ihr Körper und der Kopf des Anubis sind Ödipus’ Trophäen beim Einzug in Theben, die Stadt wird die Hölle seines Lebens.

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Liz Allbee

Bei The Liz liegt Theben in New York City, es ist Manhattan, um genau zu sein. Allerdings hängen die Sphinx und Anubis gemeinsam auch in einschlägigen Gegenden von Berlin-Neukölln ab. Und sie halten sich dort dezent im Hintergrund von Kathy Acker auf. Acker ergänzt das höllische Duo in Gestalt von Ödipus zum Triumvirat, denn sie weiß um die verborgenen Bücher in Theben. In ihnen steht geschrieben, wie sich Menschen in andere Wesen verwandeln können – zum Beispiel in Vögel. Alsbald begeben sich The Liz auf die Reise der Vögel, die nach ihrem König suchen, dem Simurgh. Dieser Vogelzug entstammt der „Konferenz der Vögel“, einer Dichtung des persischen Mystikers Fariduddin Attar aus dem 12. Jahrhundert. Die Reise der Vögel endet mit ihrer Selbsterkenntnis: Sie erkennen, dass jedem von ihnen die übersinnlichen Kräfte des Simurgh innewohnen.

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Korhan „Liz“ Erel

Wie kommen The Liz auf diese Geschichte?

Liz A.: „We talked a lot about this idea that there are different myths, that travel through history and as they travel they transform. One of this things was the idea where the sphinx changes gender as it goes and it really flips between and then it becomes fluid at a certain point. Kathy Acker talks a lot about that, too in her texts. The idea of moving between human and animal seemed to be a common theme, too. We jumped off from there.“

Liz K.: „I liked the idea of a mask being able to erase gender. I’ve been told this a few times when I put it on, like ,Oh I didn’t even know you were a girl’ and also it didn’t matter when you were playing. For me it’s one of the great freedoms of being able to transform yourself into something that has no context for judgement.“

Liz E.: „In the experimental music scene in Berlin there are hardly any performative elements involved. People just go on stage in their daily clothes and make their music. My own urge was to wear something special. In Istanbul you can’t dress feminine but I was trying to kind of dress up. It wasn’t about glamour but to wear something different that something is going to happen on stage. Then you also change categories, like in the way you become something else with the mask.“

Liz K.: „The theme, from the very first gig on, was the idea of gender ambiguity and identity being gone.“

Liz E.: „I had recently moved to Berlin and I was finally free to wear whatever I want. I was trying to present myself as such, at least at concerts.“

Liz A.: „You were sexy. You were wearing a tight skirt and a really beautiful blouse and you looked like I felt kind of funky.“

Liz A.: „It’s such a totally different way of composing something – to have all of these different media and elements that you’re working with. There is all this terrain that’s super-interesting and there is risk about it but that’s part of it. It’s kind of scary but like ,okay’ – I wanna go there.“

Liz K.: The stories have a lot of dark elements and the music also tends to go to this dark and mysterious place. There is this unknown possibility that’s about to be realized, and to keep it a little bit unknown and a little bit flexible is great.“

Liz spielt Computer, Controller und die Videos im Konzert. Sie verändert Klänge und Stimmen live.

Liz spielt Trompete, eine Reihe Effektpedale und ihre Stimme erklingt. Sie hat die Videos editiert.

Liz spielt zwei Keyboards und Control Pedals, sie singt und rezitiert Text. Sie hat gefilmt.

The Liz improvisieren in selbstgewählten Wesenheiten entlang einer dramaturgischen Struktur. Indem sie die Mehrdeutigkeit von Gender ausloten, wird auch der alte Menschheitstraum offenkundig, einmal die Gestalt eines Tieres anzunehmen, als das wir unerkannt bleiben können, auf andere Bedürfnisse ausgerichtet, anders miteinander kommunizieren, weite Distanzen überwinden – fliegen. Die Überwindung bekannter Rezeptionsmuster ist mit The Liz nur einen Flügelschlag entfernt.

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