Poesie der Hände: Maja Osojnik

von Franziska Buhre –

Es waren gerade zehn Tage Krieg, trotzdem berieten sich die Eltern von Maja Osojnik, wie sie ihre Kinder aus der slowenischen Stadt Kranj über die Grenze nach Österreich in Sicherheit bringen konnten, sollten die Kampfhandlungen Leib und Leben bedrohen. Damals, im Sommer 1991 lieferten sich die slowenischen Streitkräfte heftige Gefechte mit der Jugoslawischen Volksarmee an den Grenzen zu Österreich, Kroatien und Italien. Slowenien hatte zuvor seine Unabhängigkeit erklärt, die im Oktober 1991 schließlich in Kraft trat.

Maja Osojnik war zu jener Zeit 15 Jahre alt. „Als ich nach Österreich kam, habe ich gemerkt, dass Geschichte immer von Siegern diktiert wird,“ sagt sie am Telefon in Wien, wo sie seit 1995 lebt. „Europa ist nun wieder voller Zäune, in wenigen Generationen sind wir wieder zu einer Klassengesellschaft geworden. Das tut mir momentan sehr weh.“

Von einem ganz anderen Schmerz handelt der Titelsong ihres Debütsoloalbums, „Let Them Grow“ und nur in diesem kommt das Wort Krieg einmal vor. Inmitten von Salven aus verzerrten Klängen, wuchtigen Bässen und massigen Schlagzeug-Schüben erhebt sich Osojniks dunkle Stimme mit barocker Fülle zu einer Anrufung der eigenen Hände. Sie wachsen, um den eigenen Körper ganz zu umfangen, der nach einem Abschied von einem anderen Menschen einen Krieg gegen das eigene Selbst austrägt. Die Hände sind unaufhaltsam, mit ihrem Wachstum entfaltet der Song unbändige Kraft.

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Foto: Rania Moslam

Osojniks Texte über Aggregatzustände des Empfindens klingen hinreißend poetisch: Ein wechselhaftes, aber stets unverkennbares Ich gefriert darin, zersplittert, unsichtbar. Es verflüssigt sich oder entgleitet bei klarem Bewusstsein in den letzten Schlaf. Hände kommen auch in zwei weiteren Songs ihres Albums vor.

Osojniks Schimpftirade auf Klischeebilder von Frauen und Männern in Popsongs in „Condition I“ orchestriert sie mit Samples der Wiener Elektronikmusikerin Tamara Wilhelm zu Noise an der Schmerzgrenze. Der verweigerte Handschlag ist eine erste Geste im Kampf gegen Inbesitznahme von geistigen Eigentum. Umwogt von Geräuschen, Tönen und Drones, die Osojnik auf kaputten Klavieren erzeugt, singt sie in „Nothing is finished until you see it“ vom Versagen der Hände bei dem Versuch, sich zu lösen.

„Hände sind für mich sehr besondere Körperteile, intim und fragil,“ erzählt Osojnik. „Die Hände führen meine Gedanken aus, im Endeffekt bin ich Handwerkerin.“ Ihre Selbstbeschreibung reicht vom Hantieren mit einem Setup aus diversen Kassettenrekordern, Loopmaschinen und Effektpedalen in Live-Performances über die Anfertigung traditioneller Notationen, grafischer Scores für Sound-Installationen, bis hin zum Katalogisieren von Feldaufnahmen, gespielten Resonanzobjekten, Audio Files verzerrter Sounds oder Feedbacks zu weit verzweigten Klang-Bibliotheken. Eine zentrale Inspiration für „Let Them Grow“ ist das Stück „I am sitting in a room“ von Alvin Lucier (1969), in welchem der Komponist seine Narration aufnimmt, in einem Raum abspielt und erneut aufnimmt, wodurch die Raumfrequenzen im Prozess der Wiederholungen auf der Tonspur hörbar werden.

„Ich lasse gerne Maschinen für mich arbeiten und reagiere spontan auf sie. Einerseits bin ich ein totaler Kontrollfreak, überlasse aber auch dem Zufall eine Rolle, wenn ich meine Stimme verfremde, damit live spiele und mich wieder aufnehme,“ sagt Osojnik.

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Jazzfestival Saalfelden 2015 (Foto: Heinz Bayer)

Ihre Lust an handgemachter Musik hat jedoch zuerst ein Instrument ausgelöst, das Fingerspitzengefühl verlangt – die Blockflöte. Osojnik lernt sie als Kind, in Slowenien hängt der Blockflöte kein solch katastrophaler Ruf an, wie in anderen Ländern. „Sie verlangt vom Menschen, sich eher zurückzunehmen. Die Blockflöte ist kein lautes Instrument, man muss Dynamik durch Tricks hervorbringen und lernen, die Intonation mit den Fingern ganz fein zu schattieren. Das hat von mir verlangt, mich zu zügeln und gewissermaßen zu implodieren.“

Bald spielt sie in einem Ensemble der Musikschule in Kranj und schließt dort Bekanntschaft mit der Alten Musik, die bis heute Teil ihrer Identität ist. „Ich liebe spezialisierte Abläufe und architektonische Strukturen. Darin ist die Alte Musik elektroakustischer oder akusmatischer Musik ähnlich.“ Mit Begeisterung spricht sie von gegeneinander verschobenen Metren und dem polyphonen Gesang verschiedener Texte in der Ars Subtilior des 13. und 14. Jahrhunderts oder von den ersten Opern Claudio Monteverdis.

Auf „Let Them Grow“ erklingt sie vielstimmig, im Kanon mit sich selbst, manchmal gewinnt die Polyphonie die Oberhand über die Entschlüsselung einzelner Textpassagen.

Als Jugendliche will Maja Osojnik unbedingt singen, ihre Stimmbänder jedoch führen ein Eigenleben und nach negativen ärztlichen Inspektionen ist ihr Traum scheinbar besiegelt. Sie macht Straßenmusik in einem Blockflötentrio und singt im Duo mit einem Gitarristen. Nach Abschluss der Schule wagt sie ohne feste Bleibe, Deutschkenntnisse und Geld 1995 das Vorspiel bei dem Flötisten Hans Maria Kneihs an der Hochschule für Musik in Wien und wird angenommen. Sie stürzt sich in die Szenen von Neuer Musik, Improvisation und Jazz, nimmt klassischen Gesangsunterricht und studiert Jazzgesang am Wiener Konservatorium.

Als erstes interpretiert sie Gedichte slowenischer Poeten. Ein Gedicht von Srečko Kosovel aus den 1920er Jahren, „Rdeča raketa“ (Rote Rakete), gibt ihrem Duo mit dem Bassisten Matija Schellander den Namen. In ausgeklügelten Experimenten kreieren sie mit Electronics, Bass und Feldaufnahmen kuriosen Kammer-Krach, Osojnik spielt außerdem Bassblockflöte, kurz Paetzold. Auch auf „Let Them Grow“ kommt sie zum Einsatz. Das Instrument verlangt mehr Atemluft und speziellen Grifftechniken, dafür bietet es Material und Klangtexturen für Live-Sampling.

Das Paetzold hat sie meistens dabei, wenn sie eine Bühne betritt, -auf Laptop oder das Computerprogramm Ableton verzichtet sie dabei, wohlgemerkt. Vielmehr tauscht sie sich mit dem Schlagzeuger Patrick Wurzwallner über die Klangquellen aus. „Ich spiegele die Songs, nähere mich ihnen oder verlasse sie, so bleibt das Material lebendig.“ sagt Maja Osojnik. Ihre Devise bei jedem Konzert: „Ich muss schrauben.“

Erstveröffentlichung: 15.04.2016, taz

(Beitragsbild: Viktor Brázdil)

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