Jozef Dumoulin und die Faszination des Fender Rhodes

von Karl Lippegaus –

Eines Tages kam Jozef Dumoulin darauf, an einem E-Piano zu experimentieren, das gar nicht mehr hergestellt wurde. Ich traf den Musiker in Paris, an der Place de Clichy, wo einst Truffaut seinen aufwühlenden Film „Les 400 Coups“ (dt. Titel: „Sie küssten und sie schlugen ihn“) gedreht hat. Und schon hatten Jozef und ich unser erstes Gesprächsthema. Aber blenden wir doch erstmal ein wenig zurück.

Anfangs wollte Harold Rhodes nur eine transportable Alternative zum Klavier erfinden, um Soldaten bei der US-Armee die Möglichkeit zum Musizieren zu garantieren. Im 2. Weltkrieg tüftelte Harold Rhodes an einem transportablen elektrischen Klavier. 1965 war endlich der Prototyp fertig, doch vergingen nochmal Jahre, bis das Fender Rhodes Piano (auch bekannt als E-Piano oder elektrisches Klavier) sich durchsetzte. Vor allem im Jazz – auf legendären Alben wie „Bitches Brew“ von Miles Davis, bei Weather Report virtuos gespielt von Joe Zawinul, in Chick Corea’s Return to Forever, in Zappas Band von George Duke oder bei Herbie Hancocks Headhunters. Das Fender Rhodes-Piano prägte den Sound des Jazz-Rock. Obwohl es nicht mehr gebaut wird und in den achtziger Jahren in Vergessenheit geriet, besteht seit etwa zwanzig Jahren ähnlich wie bei den Synthesizern eine große Nachfrage nach den alten Modellen.

Chick Corea oder George Duke, der faszinierende Keyboardmann bei Zappa, modifizierten den Fender Rhodes-Sound durch Ringmodulator und andere Effektgeräte. Heutzutage ist der Belgier Jozef Dumoulin auf den Spuren der großen Vorgänger. Sein aktuelles Album mit dem Projekt Lilly Joel, die CD heißt „What Lies In The Sea“, markiert die weiteste Distanz vom üblichen Fender Rhodes-Sound; die Klänge hängen manchmal in der Luft wie tiefe Wolken über einer endlosen Wasserfläche. Die gefühlvoll verzerrten Sounds rauen glockenähnliche Akkorde auf und werden in Echtzeit vom Computer weiterbearbeitet. Mit „A Fender Rhodes Album“ (2014) hatte Dumoulin einen Meilenstein des Genres in die musikalische Landschaft gesetzt. Sein Trio mit dem Saxofonisten Ellery Eskelin und dem Drummer Dan Weiss nennt sich The Red Hill Orchestra (CD: „Trust“, 2014). Es verbindet Soundscaping mit spontaner Improvisation und erforscht die Parameter von Klang, Raum und Zeit.

Jozef Dumoulin ist jetzt 40 Jahre alt und geprägt haben ihn besonders die 80er Jahre, sagt er. Musikalisch konzentrierte sich für ihn erstmal fast alles auf klassische Musik. Aber er hörte auch die stark elektronisch geprägte Popmusik. In der lokalen Mediathek lieh er sich mit 14-15 Jahren gerne CDs mit Instrumentalmusik aus. Zu seinen ersten Lieblingsplatten gehörte die Musik, die der Keyboardspezialist Jan Hammer für die US-TV-Serie „Miami Vice“ gemacht hatte. Heute begegnet er 15-16jährigen, die schon seit ein paar Jahren Jazzkurse besucht haben. Etwas seltsam findet er das, denn persönlich entdeckte er den Jazz, wie er sagt, „erstmal ganz allein, in meiner Ecke, und relativ spät.“

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Jozef Dumoulin mit Trevor Dunn und Eric Thielemanns beim moers festival 2012 (Foto: Oliver Heisch)

„Musik machen heißt für mich: Imaginäre Orte schaffen,“ erklärt Jozef Dumoulin. „Es war auch ein physisches Erlebnis, schwer mit Worten zu beschreiben.“ So der Belgier in Paris über seine erste Bekanntschaft mit dem Jazz.

Momentan arbeitet Jozef Dumoulin als ‚artist-in-residence‘, in einem der bekanntesten Jazzclubs in Frankreich: im Petit Faucheux in der Stadt Tours, südwestlich von Paris. Er kann dort nicht nur intensiv an seiner eigenen Musik arbeiten, sondern auch Künstler zu Konzerten einladen – wie den von ihm bewunderten schwedischen Pianisten Bobo Stenson. Ein großer Teil der Arbeit besteht wiederum in Workshops mit jungen Musikern aus Tours. Das war etwas, das er immer machen wollte: vor allem auch Musik zu machen mit Amateuren. Man wird sehen, was dabei herauskommt, aber er formiert zum Beispiel Bands mit Behinderten oder einfach Jugendlichen, die gerne mal zusammen Musik machen würden.

In Brüssel hatte er eine erste eigene Band, mit einer Sängerin, sie traten ziemlich häufig auf. Aber die Anfänge waren sehr bescheiden: man spielte ein paar Standards, Jozef hatte ein Keyboard, keinen Flügel zur Verfügung, er suchte noch nicht nach einem persönlichen Stil, sondern war erstmal nur für diese Sängerin der Begleiter am Keyboard.

Dann bekam er ein Stipendium für die Kölner Musikhochschule und konnte in der Jazzabteilung bei dem britischen Pianisten John Taylor studieren. Damit begann er 1999 und interessierte sich für viele Arten von Musik, versuchte aber auch einen Standard im Jazzrepertoire ohne viele Unfälle zu spielen. Noch heute spielt er Standards für sich, einfach nur um zu üben, auch wenn er später live etwas anderes spielt, hilft ihm das seine Gedanken zu ordnen. Mit John Taylor spielte sich sehr viel ab, es ging nicht nur um korrekte Interpretation, es konnte in viele verschiedene Richtungen gehen, John zeigte ihm, wie man mit einem Pedal arbeitet von Anfang bis Ende des Stückes, wie man die Musik öffnet. Wie gestaltet man eine Melodie. Wie phrasiert man.

Jozef Dumoulin (Foto: Karl Lippegaus)

Jozef Dumoulin (Foto: Karl Lippegaus)

Ich weiss nicht, wie das alles gekommen ist. Aber irgendwann hat mir jemand gesagt: Das Fender Rhodes-Piano, das ist gut, das ist ein tolles Instrument. Ich sah dann in einem Musikmagazin eine kleine Annonce. Jemand wollte ein Fender Rhodes verkaufen. Ich habe angerufen, bin hingefahren, so einfach war das, es war die Zeit, als sie nicht das kosteten, was sie heute wert sind. Ich wohnte damals in Köln und hatte ein Zimmer, das gerade groß genug war für mein Bett und ein Keyboard. Es gab auch noch ein Waschbecken, aber sonst war es wirklich winzig. Das Fender Rhodes hat dann ein-zwei Jahre gegen die Wand gelehnt herumgestanden. Nach meiner Zeit in Köln bin ich dann nach Brüssel gezogen und ich habe dann angefangen, auf dem Rhodes zu spielen, denn ich hatte damals jede Woche einen Gig in einem Café in Antwerpen. Ich hatte einen kleinen Verstärker, an dem es einen Knopf für die Verzerrung gab, und ich fing an, Standards zu spielen mit dem Rhodes und diesem Verzerrungseffekt und das hat mir sehr gefallen.

Manchmal habe ich den Eindruck, Sie stellen am Fender Rhodes eine Versuchsanordnung her, ein Mechanismus wird in Gang gesetzt. Doch was dann passiert ist für Sie vermutlich ebenso überraschend wie für Ihre Zuhörer.

Genau darum geht es – das ist die Idee.

(Auszug aus Karl Lippegaus‘ „diary of jazz“, erschienen im März 2016 auf nrwjazz.net/Beitragsbild: Julian Torres)

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