Hide & Seek 1: Wo ist der amerikanische Jazz?

Nie war der deutsche Jazz so gut aufgestellt wie heute. Es ist nicht falsch zu behaupten, dass immer mehr junge, gut ausgebildete, technisch versierte und hoch motivierte deutsche Jazzmusiker auf die Bühne, ins Studio und in die Medien streben. Das ist gut so. Aber bildet dieser Trend die musikalische Wirklichkeit ab? Oder geben wir uns mangels Information und Alternativen einer schönen Illusion des deutschen Jazz-Alltags hin? Unter dem Titel „Hide & Seek“ greift Wolf Kampmann in drei Artikeln dieses Thema auf und gibt einige, auch polemische Antworten.

Wo ist der amerikanische Jazz?

Von Wolf Kampmann

Es ist noch nicht lange her, da beklagten sich europäische Musiker allgemein und deutsche insbesondere über die Dominanz amerikanischer Kollegen in der hiesigen Abbildung von Jazz. Diese Klagen waren nicht unbegründet. Es war für einen deutschen Musiker schwer, gegen den permanenten Zustrom amerikanischer Musiker anzuspielen. Was das Ganze besonders unerfreulich machte, war der Umstand, dass es dabei oft nur um Legendenbildung ging. Abgehalfterte Altstars ließen sich auf Europas Festivals mit dumpfbackigen Retroprojekten als Vertreter der reinen Lehre feiern. Was hätte eine junge Band aus Berlin, Köln, Stuttgart oder Bremen schon gegen den 22. Aufguss der Jazz Messengers ausrichten können?

Diesem Phänomen lag die nüchterne Wahrheit zugrunde, dass Jazz bis zur Jahrtausendwende nach wie vor als genuin amerikanische Musik verstanden wurde. Daran änderten auch all die integrativen Projekte von ECM und anderen Labels nichts, die Musik aus Lateinamerika, Europa und Asien wesentlich weiter in den Fokus stellten. Auf die Titelseiten der Jazzmagazine schafften es Europäer nur selten, und jede Marginalie von Miles Davis wurde ungleich höher bewertet als jede Innovation, die aus Europa kam.

Das war ungerecht. Die Situation änderte sich kurz nach der Jahrtausendwende aus mehreren Gründen. Die Goldgräberstimmung in allen Bereichen des Musikgeschäfts verebbte jäh mit der Verbreitung des Internet. Das Wort „Download“ machte die Runde. Plattenläden schlossen – zuerst in Amerika, später auch in Europa. Wenn man eine CD aus Amerika haben wollte, brauchte man nicht mehr in den Laden zu gehen, sondern lud sie sich herunter oder bestellte sie im Netz. Das verkürzte nicht nur den Informationsweg, sondern verringerte auch den Beschaffungsaufwand. Jeder Internetnutzer war plötzlich sein eigener Einkäufer.

Das klingt zunächst sehr vorteilhaft. Die Tücken dieses Paradigmenwechsels machten sich aber erst über einen sehr langen Zeitlauf bemerkbar. Amerikanische Labels brauchten keine Dependancen mehr in Europa, um ihre Platten zu verkaufen. Der Marketing-Aufwand wurde minimiert, der europäische Markt geriet dadurch immer weiter aus dem Blickfeld der amerikanischen Plattenfirmen – und somit auch der Musiker. Und Journalisten gaben sich nur allzu willfährig mit dem zufrieden, was ihnen von Labels und Agenturen tagtäglich in den Briefkasten oder die elektronische Mailbox gepackt wurde.

Diese Briefkästen wurden dann zunehmend mit den Produkten junger deutscher Musiker gefüllt, die im Semestertakt von anderthalb Dutzend Musikhochschulen auf den Markt gespült werden. Ein Überangebot an jungen, gut ausgebildeten Musikern, die für Labels und Veranstalter leicht verfügbar und billig zu haben sind. Jazz-Absolventen aus München, Berlin oder Leipzig, die im Studio eine halbwegs respektable Produktion abgeliefert haben, findet man schon mal schnell auf den Hauptbühnen der großen Festivals. Da Deutschland für amerikanische Tourpromoter an Bedeutung verloren hat, wurde es auch für die verbliebenen deutschen Labels, die mit Amerikanern arbeiteten, immer unattraktiver, in der Alten Welt des Jazz auf Talentsuche zu gehen. Die amerikanischen Majors wie Blue Note, Concord und Verve verlegten ihr Interesse indes auf Adult Pop, und die amerikanische Independent-Szene fand ihren Weg kaum noch nach Europa.

So ging es an der deutschen Wahrnehmung vorbei, dass sich spätestens seit Ende der 2010er Jahre in New York und anderswo in den USA eine neue Jazz-Szene formiert hat, die teilweise aus alten Kämpen, zu einem großen Teil aber aus völlig neuen Protagonisten bestand. Mostly Other People Do The Killing oder Mary Halvorson sind amerikanischen Feigenblätter der Europafokussierung des deutschen Jazz-Weltbildes. Aber, so hart es klingt, die amerikanische Jazz-Wirklichkeit ist von Deutschland weitgehend abgekoppelt. Die Aktivitäten von Labels wie Pi Recordings, AUM Fidelity, Greenleaf, Royal Potato Family, Firehouse 12, The Loyal Label, Atavistic (um nur einige zu nennen) und mittlerweile selbst Tzadik wird hierzulande, wenn überhaupt, nur noch sporadisch abgebildet. Mit der Aufzählung einzelner Musiker wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst beginnen, denn sie würde Seiten füllen.

Entsprechend weit ist der Maßstab verrückt. Gab es früher ein Überangebot an amerikanischem Jazz, ist er in Deutschland mittlerweile nahezu aus der Live-, Markt- und Medien-Wirklichkeit verschwunden. Die naheliegende Schlussfolgerung: der deutsche Jazz muss besser und der amerikanische schlechter geworden sein. Es ist indes leicht zu behaupten, dass der deutsche Jazz sich im internationalen Maßstab verbessert hätte, wenn der transatlantische Vergleich schlichtweg fehlt. Machen wir uns nichts vor, Europa hat bis zur Augenhöhe aufgeholt, aber die USA bleiben immer noch das Mutterland des Jazz. Alles andere wäre Augenwischerei. Um den Vertretern der europäischen und deutschen Jazz-Szene wirklich gerecht zu werden und nicht gleich jeden zweiten deutschen Nachwuchsmusiker zum Heilsbringer auszurufen, wäre etwas mehr euro-amerikanischer Wettbewerb wieder wünschenswert.

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